„Wie soll das geschehen?“
Das frage ich mich auch manchmal, bezogen auf die vielen, schier unlösbaren Probleme, die mich jeden Tag in den Nachrichten aus aller Welt erreichen. Wie soll das gehen? Eine Welt, die im Einklang mit der Natur lebt? Flüchtende, die ein neues Zuhause finden? Nationen, die ohne Gewalt Konflikte lösen? Eine glaubwürdige Kirche, die Hoffnung ausstrahlt? … Wie soll all das geschehen? Maria, die diese Frage zuerst gestellt hat, ist ganz Mensch, so wie wir, aus Fleisch und Blut. Mit Fragen, die ihr kleines Leben übersteigen. Bei vielem, was sie später mit ihrem Sohn erlebt, wird sie diese wieder gehabt haben. So wie wir: Wie soll das geschehen (sein)? Die Wunder, die Auferstehung, die Himmelfahrt, die Sendung des Geistes, die Wandlung in der Eucharistie…? Fragloser Glaube ist kein Glaube. Und Ratlosigkeit ist keine Schande.

Ja, aber Maria ist offenbar in besonderer Weise „auf Empfang“. Sie hört anders, tiefer, nicht nur mit den Ohren. Sie spürt. Sie fragt anders, nicht nur mit dem Mund. Beeindruckend ist: Maria kann an sich geschehen lassen. Sie kann absehen von ihren Plänen, ihren Vorstellungen, Sehnsüchten und Wünschen, ihren Terminen und Hoffnungen, ja, sogar von Josef. Sie spricht den Satz, mit dem sie sich ganz in Dienst nehmen lässt: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Als Glaubende weiß sie: Ich bin fremd-bestimmt – von Gott bestimmt, der der Herr meines Lebens ist. Sie spürt, dass sie nur frei ist, wenn sie sich ihm überlässt. Diese Form der Selbst-Verwirklichung ringt mir höchsten Respekt ab. Sie überlässt sich und ihr weiteres Leben den Worten des Engels: „Die Kraft des Höchsten wird dich treffen.“ Versprochen ist versprochen.

Aber dann geschieht das, was geschehen muss: Der Engel geht wieder, er verlässt Maria. Von Gott berührt zu werden, das ist offenbar kein Zustand, der bleibt, sondern der vorübergeht. Dieser besondere Augenblick, diese friedvolle Situation, das tiefe Erleben lässt sich nicht festhalten. Maria kann alles Geschehene nur im Herzen bewahren und wirken lassen. Der Engel geht, aber Gott kommt. Und sie bereitet ihm das dichteste Zuhause, das ein Mensch, eine Frau, nur bieten kann. Der Engel geht weg – aber er war da. Vom Engel angesprochen, von Gott angerührt worden zu sein, verändert. Es kommt etwas neu in Bewegung. Ich kann ihn nicht festhalten, den Augenblick der Erkenntnis, der Entscheidung und auch der tiefen Freude, aber er kann Bewegung in mein Leben bringen, er kann mich von innen her verändern. Sich im Schönen, Guten einzurichten und sesshaft zu werden, das geht (leider) nicht. Ich mache mir selbst das Leben schwer, wenn ich den Engel nicht loslasse. Dankbar sein, wenn er da war – aber ihn auch wieder lassen, wenn er gehen will; und dies als Chance nutzen, jetzt meinen Teil zu tun – so wie Maria – das ist der Auftrag. Sie lehrt mich, nicht dem Vergangenen nachzutrauern, mich nicht zu verschließen, sondern nach vorne zu schauen. Auf die entscheidenden Worte zu hören, diese in sich zu bewahren, ein weites Herz zu haben und sich nicht zu fürchten vor dem, was kommt.

Wenn wir wieder spüren, dass der Mensch auch ein jenseitiges Wesen ist, dass er nicht richtig wahrgenommen wird, wenn Gott nicht mitgedacht wird, dann sind wir nah dran am Geheimnis der Heiligen Nacht. Man kann den Menschen und Gott seit der Geburt Jesu nur in einem Atemzug nennen. Diese Vereinigung Gottes mit dem Menschen ist eine ungeheure Bejahung des Lebens. Dabei ist allerdings auch klar: Gott wird Mensch. Der Mensch nicht Gott. Diese Schöpfungsordnung bleibt, aber sie ist geweiht, gesegnet, geheiligt… wie immer man es ausdrücken möchte. Konkret erfahrbar wird das dort, wo Menschen ein göttliches Herz haben. Und das zeigt sich in der Aufmerksamkeit und Zuwendung zum Nächsten und zur Welt. Es gibt sie, diese kleinen Wunder des Alltags, die den Menschen größer machen, und zwar sowohl den, der gibt, als auch den, der empfängt. Da, wo wir über uns hinauswachsen, die Grenzen der Traurigkeit, der Trägheit, des Stolzes oder des Desinteresses überwinden, beginnt Weihnachten. Jesus wird in unserer Mitte geboren, wo wir einander Herberge sind. Und das ist schwieriger als man denkt. Zum einen, weil ich genau den, der bei mir gerade Geborgenheit erfragt, nicht verstehe oder nicht besonders mag. Und zum anderen, weil ich es bei dem, der es mir anbietet, ungemütlich und unbequem finde. Das idyllische Krippendasein hat auch eine nackte, unbarmherzige Seite, wie in einem zugigen Stall eben.

Aber Weihnachten ist und bleibt das Fest der Menschlichkeit, der Traum vom Paradies, das wiederkehrt. Und genau diese Vision von einer menschlicheren Welt hält uns in Atem, lässt uns nicht unberührt. Sie hält die Sehnsucht wach, dass nicht alles bleiben muss, so wie es ist, sondern etwas Neues geschehen kann. „Siehe“, ruft der Engel, der geheimnisvolle Bote Gottes, den Hirten zu: „Ich verkündige euch große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren.“ Da wird plötzlich klar, wie all das geschehen kann, was so schwer zu glauben und zu hoffen ist.

Die unterschiedlichen Boten Gottes, Maria und die Engel, erinnern daran, dass Gott viele Wege geht, um seiner Botschaft – nein, noch mehr: sich selbst – einen Ort, eine Heimat zu geben. Er wird sich zeigen, sich offenbaren, in unserer Mitte leben. Ja, sogar in uns wohnen. Wir sind der Tempel Gottes. Dieser Gedanke war bereits tief verwurzelt im jüdischen Volk. Heute kann uns diese Botschaft besonders berühren, weil wir so hautnah erleben, dass wir am Ende so vieles nicht selbst in der Hand haben. Wir können manchmal nur warten. Das ist die Haltung, die das Weihnachtsfest in uns wecken will: die Offenheit, uns auf Gottes Versprechen einzulassen, auf etwas, das wir nicht selbst ergreifen oder machen können. Wir müssen warten. Wir müssen vertrauen, damit das geschehen kann, was Petrus in seinem zweiten Brief so treffend ausdrückt und was das Ziel des eigenen Adventsweges, ja des eigenen Lebens ist, nämlich „von Gott in Frieden angetroffen zu werden“.

Gesegnete Weihnachten! Lydia Bölle